Unterschätzte Mittelstandskiller:
Inflationistisches Geld und zu niedrige Zinsen
In der heutigen Kreditgeld-Welt spielt Geld nicht die Rolle, die Geld in einem Umfeld der relativ oder gar absolut knappen Geldmenge einnehmen würde. Geld entsteht im heutigen Umfeld durch eine nahezu unerschöpfliche Kreditvergabe. Es ist nur ein Buchungssatz, der eine Bilanzverlängerung darstellt. Mehr nicht. Eine Geschäftsbank bucht beispielsweise auf der Aktivseite ihrer Bilanz eine Kreditforderung gegen den Kunden und schreibt ihm das Geld auf ihrer Passivseite gut. Zentralbanken schöpfen zum Beispiel Geld, indem sie ein Schuldpapier von einem Finanzinstitut kaufen und dieses auf der Aktivseite der Zentralbankbilanz verbuchen. Dem abgebenden Institut wird das Geld auf der Passivseite der Zentralbankbilanz gutgeschrieben und so ist auch hier durch die Bilanzverlängerung neues Geld entstanden. Das dadurch entstehende Überangebot an Geld gaukelt dem nur noch in Bruchteilen vorhandenen Markt eine nicht vorhandene, nicht reale Spartätigkeit vor und lässt die Zinsen unter das natürliche Niveau fallen, das sich bei einem marktwirtschaftlichen Zins durch freies Geldangebot und Geldnachfrage einstellen würde. Unternehmen expandieren heutzutage vielfach nicht mit ersparten oder erwirtschafteten Mitteln, sondern mit billigem Geld in Form von niedrig verzinstem Kredit. Durch diese Art der Expansion ist der heute anzutreffende Konzernzentralismus in den letzten Dekaden extrem begünstigt worden. Ein natürlicher Marktzins hingegen würde wirtschaftlich nachhaltiges Wachstum und eine weniger krisenanfällige, weil eigenkapitalbasierte Unternehmenslandschaft ermöglichen. Der unnatürlichen Fehlsteuerung von Ressourcen wären enge Grenzen gesetzt, da der Zins sich auch an der tatsächlich zugrundeliegenden Sparneigung (dem „Urzins“) der Menschen einer Volkswirtschaft orientieren würde.
Subventionsprogramm für aggressive Unternehmenskäufer
Unter Berücksichtigung der historischen Datenpunkte befinden sich die Zinsen derzeitig noch immer im unteren Bereich. Nehmen wir die zehnjährige Bundesanleihe als Maßstab, so gilt festzuhalten, dass der Zins für dieses Papier 1981 bei über 11 Prozent lag. Seitdem und mit zunehmender Dynamik war das sogenannte Zinsniveau rückläufig. Per Anfang September 2026 wurde die besagte Anleihe mit 3,35 Prozent verzinst. In den Jahren 2019 bis 2021 gab es für die zehnjährige Bundesanleihe sogar Negativzinsen!
Nebenbei bemerkt: Der Umstand eines Negativzinses ist komplett unnatürlich, da die Menschen den gegenwärtigen Konsum immer höher bewerten als den zukünftigen. Insofern verfügt jeder Mensch über eine sogenannte positive Zeitpräferenzrate, die wiederum bei einem freien Marktzins die Basis für den gesamtvolkswirtschaftlichen Urzins und das Geldangebot darstellen würde. An diesem Umstand erkennt man schon, wie sehr die Manipulation im Rahmen der heutigen Geldplanwirtschaft Raum gegriffen hat.
Die rückläufige Zinsentwicklung war nichts anderes als ein Subventionsprogramm für aggressive fremdkapitalbasierte Käufer von Unternehmen und generell für Unternehmen mit hoher Fremdkapitalquote. Niedrige Zinsen implizieren geringe Kapitalkosten. Sie schaffen den Anreiz, durch Kreditaufnahme andere Unternehmen und Konkurrenten aufzukaufen, um zusätzliche Marktanteile zu generieren. Je niedriger der Zins ist, desto mehr Unternehmen können aufgrund der dann tieferen Ertragsgrenze erworben werden. Es rechnet sich bei historisch niedrigen Zinsen folglich deutlich mehr, nur minimal profitable oder gar defizitäre Unternehmen aufzukaufen, um damit an Marktmacht zu gewinnen. Die Unternehmenspolitik der Zukäufe auf breiter Front wird in der Tendenz eher von großen Unternehmen und Konzernen durchgeführt. In der Folge sehen wir eine zunehmende Zentralisierung der Wirtschaft und eine Tendenz zu Großunternehmen.
Die aggressiven Unternehmenskäufer haben zudem den Vorteil, dass sie mit dem Unternehmen einen Substanzwert (Sachwert) gekauft und sich in Nominalwerten verschuldet haben. Die fortlaufende Geldverschlechterung (Inflation im Sinne einer Ausdehnung der Geldmenge) ist als nicht unerheblicher Tilgungsanteil anzusehen. Bezogen auf den Euro-Raum wurde die Geldmenge von der elektronischen Aufsetzung des Eurosystems im Jahre 1999 bis Ende Juli 2026 von 4667 Mrd. Euro auf über 17.614 Mrd. Euro ausgedehnt. Sie wurde durch Kreditexpansion inflationiert. Ein Euro von 1999 hat auf Basis dieser Fakten, rein quantitativ betrachtet, lediglich noch den Tauschwert von nicht einmal 27 Cent.
Es ist im Übrigen sehr bedeutsam, zwischen der Ursache der Inflation und dem Symptom der Teuerung zu differenzieren. Kreditinduzierte Inflation ist nicht gleichzusetzen mit der Teuerung. Leider wird in den herkömmlichen Lehrbüchern nicht mehr zwischen Geldmengeninflation (steigende Geldmenge durch Kreditvergabe) und Güterpreisinflation (Kaufkraftminderung durch die gestiegene Geldmenge, die dynamischer zunimmt als das Güterangebot) unterschieden. Vor Gründung der amerikanischen Notenbank im Jahre 1913, unterschied man in der Fachliteratur noch konsequent zwischen Geldmengeninflation und Güterpreisinflation. Heute kommt es zu einer Art Begriffsverwirrung, indem Inflation und Teuerung in einen Topf geworfen werden. Der Quantität des Geldes wird hingegen kaum Bedeutung beigemessen bzw. sie findet in der öffentlichen Debatte kaum bis gar keine Erwähnung. Lediglich der Zins wird als relevantes Steuerungselement der zentralen Geldplaner diskutiert.
Die durch die Inflationierung der Geldmenge herbeigeführte Geldverschlechterung stellt als Tilgungsersatzmittel die erste Subventionssäule für die Großkonzerne und Finanzspekulanten dar. Die künstlich herabgesetzten Zinsen sind als zweite Subventionssäule ins Feld zu führen.
Das Kalkulationsproblem im Kollektivismus
Der überragende Ökonom der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, Ludwig von Mises (1881–1973), wies bereits im Jahre 1919 in der Theorie nach, dass jede Form kollektivistischer Gemeinwesen auf Basis des Kalkulationsproblems zum Scheitern verurteilt ist.
Für das, was sich später in der DDR, UdSSR und anderen kollektivistisch organisierten Ländern in der Praxis manifestieren sollte, schaffte Ludwig von Mises viele Jahre zuvor das intellektuelle Fundament. Ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln kann kein Austausch stattfinden und ohne Transaktionen gibt es keine Marktpreise. Aus dem Mangel an Preisverläufen resultiert dann das Kalkulations- und Informationsproblem. Die zentralen Planer können ohne Preisinformationen (Preisverläufe) nicht wissen, welche Güter in welcher Menge wo benötigt werden. Neben dem Mangel in einigen Güterklassen kommt es auch zum Überfluss in anderen Güterklassen. Ressourcen werden verschwendet, fehlgeleitet und nicht in die von Konsumenten gewünschten Verwendungen geführt. In einer Marktwirtschaft ergibt sich die Produktionsstruktur einer Volkswirtschaft aus der Entwicklung der Marktpreise und die Marktpreise sind u.a. das Resultat des Nachfrageverhaltens der Konsumenten. Wenn Preise manipuliert werden, oder es zu Preisdiktaten kommt, sind Verzerrungen in der Produktionsstruktur die denknotwendige Konsequenz. Zu derartigen Schwierigkeiten und zu Verzerrungen in der Produktionsstruktur kommt es auch dann, wenn die Geldmenge inflationiert und Zinsen per Zentralverwaltungsakt festgelegt werden.
Gramm, Liter, Zentimeter sind beispielsweise als verlässlich normierte Größen klar definiert. Ein Koch ist so in der Lage die Zusammensetzung eines Kochrezeptes an seinen Zögling weiterzureichen. Ein Euro von 2026 hat jedoch aufgrund der deutlich höheren Quantität, eine andere Qualität als ein Euro von 1999. Das, was für den Koch das Gramm ist, ist für den Kaufmann das Geld. Wird das Geld schamlos inflationiert, so kann es – um bei der Analogie zu bleiben – sehr schnell zu versalzenen und für die Unternehmenseigentümer wenig bekömmlichen Jahresergebnissen kommen. Die Ungewissheiten einer ohnehin schon unkalkulierbaren Zukunft wird in einem inflationärem Geldumfeld noch unkalkulierbarer.
Inflationäres Geld erschwert die Kalkulation
Eine höhere Geldmenge (Inflation) führt im Laufe der Zeit zu immer höheren Preisen in den verschiedenen Märkten für Vorprodukte, Importwaren, einzukaufende Dienstleistungen usw. Die Erklärung liegt auf der Hand. Wenn Geld durch die Inflation weniger knapp wird, dann fällt die Qualität des Geldes, was sich dann im Zuge der Teuerung als Kaufkraftminderungseffekt manifestiert. Einfach gesagt: Sie bekommen weniger Güter für Ihre Euro. Dieser Umstand erschwert – je nach Preisdynamik in den einzelnen Gütermärkten – die Kalkulation für alle Unternehmen und betrifft besonders die Unternehmen, die über keine Preisdurchsetzungsmacht verfügen. Die Gewinnmarge schwindet.
Große Unternehmen setzen sowohl gegenüber kleineren Unternehmen als auch Verbrauchern höhere Preise recht rigoros durch. Kleine und mittelständische Unternehmen hingegen befinden sich in einer anderen Wettbewerbssituation und pflegen auch engere persönliche Beziehungen mit ihren Kunden. Auch dieser emotionale Faktor erschwert die Durchsetzung höherer Preise.
Im weiteren Verlauf und bei großer Preisdynamik, leidet die Ertragsmarge der mittelständischen Unternehmen. Sie sind in ihrer Existenz bedroht und dann unter Umständen zum Verkauf oder zur Kooperation gezwungen.
Selbstverständlich treffen auch permanent steigende Kosten für den Bürokratieerfüllungsaufwand die kleinen Unternehmen aufgrund niedrigerer Skaleneffekte überproportional. Auch eine nicht gelöste Nachfolgeregelung führt bei immer mehr Familienunternehmen zum Verkauf des Betriebes.
Besonders schädlich sind die Übernahmegeschäfte durch Hedgefonds. Sie agieren sehr aggressiv, also mit extrem hohen Fremdkapitalquoten, und neigen auch dazu, die Unternehmen schnell durchzuhandeln, um zügig Gewinne zu realisieren. Bei diesen auch als Heuschrecken bekannten Finanzinstitutionen geraten die Übernahmekandidaten sehr schnell in extrem dynamische Hände. Kurzfristiges Handeln, schnelle Geschäfte und Profitorientiertheit kennzeichnen die Aktionsweise professioneller Akquisitionsgesellschaften. Das ist auf breiter Front extrem schädlich für eine Volkswirtschaft und die Versorgungssicherheit.
Welche Folgen resultieren aus diesen Entwicklungen?
Die Zentralisierung der Volkswirtschaft hin zu immer mehr großen Unternehmen häuft Klumpenrisiken an. Die Gesamtstruktur der Wirtschaft ist nicht mehr breit diversifiziert. Es bilden sich Oligopole und möglicherweise in manchen Regionen sogar Monopole. Der Wettbewerbsdruck sinkt, den Menschen mangelt es an Wahlmöglichkeiten. Das führt mitunter zu Qualitätsverlusten und höheren Preisen. Signifikante Schuldenstände implizieren zudem hohe Risiken für die gesamte Volkswirtschaft. Die Wirtschaft verliert an Dynamik und Innovationskraft. Es kommt zu Wohlstandsverlusten.
Gerade bei Familienunternehmen wird über mehrere Generationen gedacht und gehandelt. Diese langfristige Denkweise weicht im Falle der reüssierenden Konzernstrukturen einer kurzfristigen bonitätsorientierten Unternehmenskultur. Den meisten mittelständischen Unternehmen sind die Auswirkungen des Geldsystems und der künstlich niedrigen Zinsen vermutlich nicht bewusst. Der Zins funktioniert wie ein Kompass. Wenn er künstlich niedrig gehalten wird, befindet sich die Wirtschaft in der Orientierungslosigkeit. Ressourcen und Kapital werden fehlgeleitet. Je länger sich diese Vorgänge vollziehen, desto mehr Schaden wird angerichtet – und desto mehr mittelständische Betriebe werden vom Markt verschwinden.
Zur Person
Benjamin Mudlack ist gelernter Bankkaufmann und Diplom-Wirtschaftsinformatiker. Als Unternehmer mit engem Bezug zum Mittelstand beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit Geld, Wirtschaft und dezentralen Strukturen. Sein besonderes Interesse gilt den Auswirkungen des Geldsystems auf unternehmerische Entscheidungen, Wettbewerb und die langfristige Entwicklung kleiner und mittlerer Betriebe.
Er ist Vorstandsmitglied der Atlas Initiative, Autor beim Ludwig von Mises Institut Deutschland und Mitglied der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. In seinen Beiträgen beleuchtet er wirtschaftliche Zusammenhänge aus der Perspektive der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Dabei stehen insbesondere Geldmenge, Zinsen und deren Bedeutung für den Mittelstand im Mittelpunkt.
Darüber hinaus betreibt Mudlack den YouTube-Kanal „Der ökonomische IQ“. Er ist Autor der Bücher „Geld-Zeitenwende“ und „Neues Geld für eine freie Welt“ und veröffentlicht regelmäßig Beiträge zu geldpolitischen und wirtschaftlichen Fragen.